Bericht eines Zivildieners über die Tätigkeit im Wohnheim Mariahilf:

„Hilfsdienste bei der Betreuung und Resozialisierung Haftentlassener mit sozialen Anpassungsproblemen“.

Mit diesem knappen und sehr bürokratisch anmutenden Satz wird von der Zivildienstverwaltungs- Ges.m.b.H. die Tätigkeit im Wohnheim Mariahilf seit Jahren beschrieben.
Stößt ein unbedarfter Kandidat für den Zivildienst beim Blättern durch den Katalog der freien Plätze auf den beschriebenen Absatz, dann verweilt er dort meist nicht lange. Zu groß sind die Vorbehalte - obwohl sozial ausgerichtet - gegenüber der Klientel. Abenteuerlichste Vorstellungen, was denn in so einem Wohnheim abläuft, keimen da in der menschlichen Vorstellung, verstärkt durch verzerrte Eindrücke aus Nachrichten und Unterhaltungsmedien:
• Vom Wohnheim selbst (gibt es dort vergitterte Fenster oder sogar Zellen?),
• von den Diensten (ist es Aufgabe prinzipiell gewalttätige Leute zu disziplinieren?)
• und den Vorgesetzten (ein klassischer Sheriff?).

Nach Beendigung dieses Gedankenabenteuers und einem schnell entschiedenen „Nein Danke“ blättert der Zivildienstkanditat zügig weiter und studiert die Einträge um den „klassischen Dienst“ bei den Rettungsorganisationen oder der Caritas.
Daher kommt es auch wohl, dass die meisten Zivildiener durch die Weiterempfehlung von „Ehemaligen“ auf die Stelle im Wohnheim Mariahilf aufmerksam und somit beim Verein für Integrationshilfe vorstellig werden. Spätestens während des empfohlenen Schnupperbesuchs bei einem wöchentlichen Jour Fixe des Heimteams zerfallen dann die noch vorhandenen Klischees vom „Zuchthaus“. Und es reift die Erkenntnis, dass der Großteil der Gesellschaft sich zwar tagtäglich mit den Themen Verbrechen, Recht und Ordnung beschäftigt, die realen Personen, deren Hintergründe und ihr Leben nach dem Urteil, aber völlig aus dem Bewusstsein verdrängt werden.

Was sind nun die besagten Hilfsdienste bei der Betreuung und Resozialisierung von Haftentlassenen? Und wie tragen die gleichzeitig 4 Zivildienstleistenden (liebevoll „Zivi" genannt) zum Ziel der Integration bei?

Der Tag in der Sandwirtgasse beginnt eigentlich um 13 Uhr mittags. Anfangs hat wohl jeder ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, wenn er die Post aus dem Postkasten holt, die Stockwerke aufsperrt und auf die ersten Ankömmlinge wartet, um ihnen die Zimmerschlüssel und die Post auszuhändigen. Natürlich spricht sich auch im Heim die Ankunft von neuen Zivis herum, welche sich dann nicht selten mit gewissen Machtspielchen konfrontiert sehen, die sich aber in der Regel schnell verflüchtigen, sobald man sich eingelebt hat. Dann sind normalerweise Gespräche über die Probleme der Heimbewohner an der Tagesordnung, die einen großen und auch wesentlichen Teil der Tätigkeit des Zivildieners im Wohnheim Mariahilf ausmachen. Dabei rangieren vor allem die Trennung vom Lebenspartner, Abbruch der Beziehungen zur Familie, Schulden bzw. Alimente, daraus folgende Exekutionen oder auch Alkohol und Drogenprobleme ganz oben auf der Palette. Dazu gesellen sich vielfach Probleme, die sich erst aus der Tatsache der Inhaftierung ergeben, wie zum Beispiel Schwierigkeiten, Arbeit zu finden oder verspätete bzw. gar keine Bezahlung durch den Arbeitgeber. Für den Zivi gilt es vor allem, die gesunde Mischung aus Respekt und persönlicher Nähe zu finden, da wir trotz allem eine gewisse Kontrollfunktion ausüben, die der einzelne Heimbewohner aber nicht allzu stark spüren sollte, damit die gute Atmosphäre im Heim gewahrt bleiben kann.
Um 24 Uhr kehrt dann Nachtruhe ein, oder besser: sollte Nachtruhe einkehren, wenn nicht gerade einige Nachtschwärmer den Zivi aus dem wohlverdienten Schlaf läuten. Die Bewohner werden ab ca. 08 Uhr geweckt und müssen das Haus spätestens um 09 Uhr verlassen, mit Ausnahme natürlich der Krankheitsfälle, ein Umstand, der für den Durchschnittszivi nicht immer ganz leicht zu eruieren ist, da die Definition des Begriffes krank bisweilen größeren Schwankungen unterliegt. Diese Regelung ist dazu gedacht, die Bewohner dazu anzuregen, sich an einen normalen Tagesablauf zu gewöhnen, also zur Arbeit zu gehen, Behördenwege usw. zu erledigen, wofür sie gegebenenfalls auch Unterstützung erhalten.

„Samstag, Sonn- und Feiertag ist ganztägig geöffnet“ (Zitat aus der Hausordnung), d.h., die Bewohner können an diesen Tagen ausschlafen. Samstag findet auch regelmäßig ein Mittagessen statt, das von den unermüdlichen Damen der Legio Mariä zubereitet wird, die auch jeden Dienstag Vormittag gemeinsam mit einem Zivi und freiwilligen Helfern aus den Reihen der Bewohner für die nötige Hygiene im Hause sorgen. Der Hausputz findet seinen Abschluss in einem gemeinsamen Frühstück. Wöchentlich findet am Donnerstag eine Teambesprechung statt, die von einem der beiden Sozialarbeiter geleitet wird und an der alle ehrenamtliche MitarbeiterInnen und Zivis teilnehmen.

Und genau diese Zusammenarbeit zwischen Sozialarbeitern, ehrenamtlichen MitarbeiterInnen und Zivildienern macht es möglich, die Sandwirtgasse zumindest vorübergehend zu einem einigermaßen angenehmen Zuhause zu machen und wenn nicht allen, so doch der Mehrzahl der Bewohner den Weg zurück ins „normale“ Leben zu ebnen.